Nach einem schweren Unfall beginnt die eigentliche Herausforderung oft erst nach der medizinischen Behandlung.
Knochen heilen, Muskeln werden aufgebaut, Bewegungen werden wieder trainiert. Und doch berichten viele Betroffene noch Jahre später von einem schwer zu beschreibenden Gefühl:
Ein Körperteil fühlt sich nicht mehr ganz wie der eigene an.
Die medizinische Rehabilitation konzentriert sich verständlicherweise auf Stabilisierung, Muskelaufbau und Funktion. Doch was geschieht, wenn trotz Training die Empfindung für den eigenen Körper nicht vollständig zurückkehrt?
Hier kann die Atemtherapie nach Ilse Middendorf eine wertvolle Ergänzung sein.
Der Ansatz: Den Atem wirken lassen
Die Atemtherapie nach Middendorf arbeitet nicht mit Atemtechniken, sondern mit dem Zulassen des Atemgeschehens. Das Grundprinzip betont, dass wir nicht aktiv den Atem beeinflussen, sondern uns so
auf unseren Körper einlassen, dass sich der Atem von selbst reguliert:
Wir lassen den Atem kommen.
Wir lassen ihn gehen.
Und warten, bis er von selbst wiederkommt.
Durch dieses Zulassen können sich Spannungen verändern, ohne dass Druck entsteht. Gerade nach Verletzungen ist dieser nicht-willentliche Zugang entscheidend:
Der Körper muss nichts leisten – er darf sich zeigen.
Da ist Wärme - und es kribbelt.
Eine Klientin, die nach einem schweren Unfall jahrelang unter Schmerzen und verminderter Empfindung in den Füssen litt, beschrieb zu Beginn der Atemarbeit ihre Beine als „wie abgeschnitten“.
In einer Sitzung auf dem Hocker richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf die Fusssohlen und den Bodenkontakt. Nach einigen Minuten sagte sie überrascht: „Da ist Wärme. Und es kribbelt.“
Dieser Moment war ein erstes Wieder-Spüren der Fußsohlen am eigenen Körper.
Den Körper empfinden - was heisst das?
Viele Betroffene berichten noch Jahre später nach einem Unfall von Beschwerden wie:
- chronischen Schmerzen
- Steifigkeit nach Ruhephasen
- verminderter Empfindung
- Taubheitsgefühlen
- fehlender Sensibilität
- „abgeschnittenen“ Körperbereichen
Die Atemtherapie bietet einen sehr sanften und regulativen Zugang zu unserm Körper. Sie unterstützt regulative Prozesse und das vegetative Gleichgewicht. In der Atemtherapie Middendorf arbeiten wir beispielsweise mit dem subjektiven Erleben und dem Empfinden von:
- Wärme
- Kribbeln
- Pulsieren
- Weite
- Schwere oder Leichtigkeit
Durch gezielte Übungen, Bewegungen und differenzierte Berührung arbeiten wir sowohl im Liegen, im Sitzen und im Stehen. Dabei entsteht eine Wirkung, welche wir geschehen lassen, beobachten und nach der wir uns in der weiteren Körperarbeit ausrichten.
Entlasten statt Überlasten
In der Atemtherapie wird die Bewegung aus dem Gefühl des Getragen-Seins erforscht. Statt isolierter Kräftigung stehen Bewegungsübungen im Fokus, welche eine veränderte Wahrnehmung ermöglichen:
- Gewichtsverlagerung
- Bodenkontakt
- Impuls aus der Hüfte
- Geschmeidigkeit statt Kraft
Das kann dazu führen, dass wir uns neu erleben, und den Körper nicht mehr durch „mehr Anstrengung“ trainieren, sondern durch differenzierte Wahrnehmung in schonender Bewegung erfahren.
Pausenkompetenz - ein zentraler Reha-Faktor
Natürlich soll möglichst schnell alles wieder wie früher sein. Ein häufiges Muster nach traumatischen Erlebnissen folgt daher nach diesem Schema:
Belastung → Durchhalten → Schmerz → Erschöpfung → lange Pause.
Doch insgeheim wissen wir, dass eine Regeneration Zeit braucht. Wie nur sollen wir diese Zeit überbrücken?
Atemtherapie fördert und lehrt eine sanfte Form der Selbstregulation, welche ohne Belastung und übermässige Aktivierung auskommt.
- kurze, regulierende Zwischenpausen
- bewusstes Nachschwingen nach Belastung
- Selbstberührung als Stabilisierung
- Gewicht abgeben statt Hochspannung halten
Diese Form der Selbstregulation verändert den Umgang mit Schmerz grundlegend! Ein Satz, der in diesem Zusammenhang häufig fällt: „Ich bin dem Schmerz nicht mehr ausgeliefert.“
Selbstwirksamkeit statt Reparatur
Ein entscheidender Aspekt der therapeutischen Arbeit mit dem Atem ist daher die aktive Mitgestaltung einer Erfahrung durch die Rückmeldungen der Klientin oder den Klienten. Im Austausch erzählen die Klient:innen, welche Wirkung sich im Körper zeigt.
Das Ziel der Atem- und Körpertherapie ist nicht primär Schmerzfreiheit, Leistungssteigerung und eine perfekte Funktion, sondern ein achtsamer Zugang zu Empfindung, eine möglichst hohe Regulationsfähigkeit im Alltag.
Das Vertrauen in den eigenen Körper soll frisch gestärkt werden. Gerade bei langjährigen Unfallfolgen kann sich durch die Atem- und Körpertherapie Middendorf die Beziehung zum Körper nachhaltig verändern.
Was Atemtherapie leistet
Die Atemtherapie ersetzt keine ärztliche Diagnostik, Physiotherapie oder eine chirurgische oder medikamentöse Behandlung.Aber: Sie ergänzt dort, wo es um Folgendes geht:
- vegetative Regulation
- Körperwahrnehmung
- Integration traumatischer Erfahrungen
- chronische Schmerzverarbeitung
- Selbstwirksamkeit im Alltag
Veränderung ist möglich
Auch Jahre nach einem Unfall ist Veränderung möglich.
Nicht immer in der Struktur – aber in der Beziehung zum eigenen Körper und in der Schulung, wie wir auf Belastung reagieren.
Atemtherapie als anerkannte KomplementärTherapie
Die Atemtherapie nach Ilse Middendorf ist eine anerkannte Methode der KomplementärTherapie (KT). Sie orientiert sich am erfahrbaren Atem und fördert die Selbstregulationsfähigkeit, Körperwahrnehmung und Ressourcenstärkung im Hier und Jetzt.
Als komplementärtherapeutische Methode ergänzt sie schulmedizinische und physiotherapeutische Maßnahmen, ersetzt diese jedoch nicht. Im Zentrum stehen nicht Diagnose oder Behandlung von Krankheiten, sondern die Stärkung der Selbstwahrnehmung, der Eigenkompetenz und des gesundheitsfördernden Umgangs mit Belastung.
Gerade im rehabilitativen Kontext kann Atemtherapie dazu beitragen, Vertrauen in den eigenen Körper zurückzugewinnen und nachhaltige Selbstwirksamkeit im Alltag zu entwickeln.
17.5.2026, Valentina Zürcher